#9: Der verloren gegangene Kampf um die Beherrschung

Ich wollte ein paar möglicherweise erhellende Zeilen zum Verhalten, und im Speziellen zur Körpersprache der beiden Präsidentschaftsanwärter Van der Bellen und Hofer schreiben. Doch es war mir live nicht möglich und einen Tag darauf immer noch nicht. Eine Mischung aus Staunen und Fremdschämen ließen mich paralysiert zurück. Doch wie so oft muss ich meinem Geist ein wenig Zeit gewähren, um für mich brauchbare Gedanken zu entwickeln. Ich bin da nicht der Schnellste, scheint es mir. Aber, und das ist für mich wesentlich: Ich sehe wieder klarer.

Ich sehe, wie zwei Kontrahenten ohne Schiedsrichter auf einander losgelassen wurden. Erst versprachen sie einander freundlich, sachlich und fair zu bleiben, doch das ließen sie bald bleiben. Der eine proaktiv, der andere reaktiv. Man konnte, was die nonverbale Kommunikation betrifft, im Laufe der Diskussion sehr viel beobachten: Vergrößern des Interpersonal Spaces, Drohstarren, erhoben belassene Augenbrauen, sich Ducken und kleiner Machen, sich vom Gegenüber Wegdrehen, Verachtung, Häme, Überraschung, Wut … die gesamte Klaviatur der Körpersprache war zu sehen. Aber warum?

Beide Kontrahenten haben ihre Beherrschtheit sukzessive verloren. Und da sind wir bei einem meiner aktuellen Lieblingsthemen: Die Nachteile der Emotionen. Denn sobald die Emotionen bei uns Menschen das Kommando übernehmen, treten Vernunft und Verstand zurück. Sie sind Antagonisten, nicht Partner. „Ein heißes Hirn denkt nicht gut“ sagt eine alte Weisheit – und das stimmt meist. Je emotionaler wir Menschen werden, desto schemenhafter werden unsere Verhaltensmuster. Pech gehabt, das ist das Erbe, das wir evolutionär in uns tragen. Nach richtig oder falsch fragen wir uns immer erst im Nachhinein.

Als die beiden besten Radfahrer ihrer Zeit, Lance Armstrong und Jan Ullrich, einst auf den höchsten Gipfeln der Alpen um den Sieg gefahren waren, hatte ein jeder der beiden versucht, den anderen durch Attacken so aus der körperlichen Reserve zu locken, auf dass dieser über seine Grenzen gehe und in Folge an Leistung verliere. Wer jedoch den Attacken widerstehen konnte und beherrscht blieb, konnte auch sein Tempo meist siegreich bis zum Ende durchhalten, während der andere überhitzt zurückfiel.

Und so sehe ich das Match zwischen Van der Bellen und Hofer. Am Anfang waren beide noch kontrolliert, hatten Körperhaltung und Mimik halbwegs im Griff, doch je heftiger die Provokationen durch den anderen ausfielen, desto emotionaler wurden sie und verloren so die Beherrschung über ihre Wirkung im Fernsehen. Die Körpersprache wurde expressiver, am Tisch fand ein Tanz der Abneigung und Aggression statt mit dem Versuch, die Beherrschung zu bewahren. Diese ist beiden durch die provozierte Emotionalität verloren gegangen.

Ich fürchte, an dem Abend ging noch mehr verloren.Neanderthaler_Menge_02_m

 

Körpersprache, Führungsverhalten und der Einfluss von Emotionen auf unseren Verstand sind wesentliche Elemente meiner Keynote Unter Affen – Verhaltensforschung zwischen Portiersloge und Führungsetage.