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#11 Was Roger Federer, lange Ski und Medientrainings gemein haben

„Aber bin ich dann noch authentisch …?“ ist die meist gestellte Frage im Rahmen meiner Medien- Rede- und Präsentationstrainings. Meine Kunden stellen mir immer dann diese Frage, wenn sie sich mit einer neuen Technik anfangs schwertun, wenn sie ihre Komfortzone verlassen sollten. Mit der Frage nach der fehlenden Authentizität verpacken sie in Wahrheit nur ihre Kritik und Zweifel an dieser neuen Technik. Das ist nur allzu menschlich. Als Trainer und Verhaltensbiologe würde es mir wahrscheinlich fehlen, käme es nicht 😉

Ich meine, dass hinter einer Authentizität immer ein Können, ein Vermögen steckt. Etwas authentisch umzusetzen bedeutet für mich, es auf die einem eigene Art und Weise umzusetzen, unverwechselbar und womöglich einzigartig. Und um etwas umsetzen zu können, sollte man es vorher auch beherrschen.

Ich bringe da gerne Analogien aus dem Sport. Als 72er-Jahrgang habe ich, und wahrscheinlich alle anderen, die in den frühen 80ern in Österreich Skifahren gelernt haben, ein und dieselbe Technik von den Skilehrern gelehrt bekommen: Talski belasten, Bergski entlasten bis anheben, Oberkörper zeigt zum Tal, Hoch-Tief, Arme draußen – und geht schon. Das war die einzig funktionierende Technik, wirklich lange Ski sicher um die Kurve und damit den Hang hinunter zu bringen. Und wir alle haben diese eine Technik gelernt. Aber ein jeder, eine jede von uns fährt einen ihr ganz eigenen Schwung. Dahinter steckt aber stets ein und dieselbe Technik.

Ähnlich beim Tennis, zum Beispiel eine funktionierende Vorhand: Seitlich und ruhig stehen, Ball fixieren, Ball vor dem Körper treffen, durchschwingen, … und ich kenne keinen Hobbyspieler, der nicht seine ihm eigene Art und Weise hätte, diesen Schlag durchzuführen. Selbst die absoluten Profis des Tennissports spielen exakt eine funktionierende Technik bei der Vorhand, und trotzdem sieht eine Vorhand eines Roger Federers ganz anders aus als die Vorhand eines Rafa Nadals. Im Moment der Ballberührung freilich nicht – der liegt eine funktionierende Technik zu Grunde. Der Rest ist Authentizität.

To make a long story short: Erst muss man etwas lernen, in Folge auch beherrschen, um es dann authentisch durchführen zu können. Sei es ein Schwung beim Skifahren, eine Tennis-Vorhand oder eine rhetorische Technik samt unterstützender Mimik.

Und wer jetzt interessiert ist, wie eine gute Tennisvorhand funktioniert, schaue einmal da rein:  [klick]

#10: Lame Duck Barack? Spieltheoretisch nicht unbedingt.

Die Sache  mit der Kooperation unter uns eigentlich stets um Ressourcen aller Art konkurrierenden Menschen ist folgende: Auf den ersten Blick mag es nicht gewinnbringend scheinen, fremden oder nahe stehenden Mitmenschen uneigennützig zu helfen/kooperieren. Ganz im Gegenteil: Die fettesten Gewinne fährt man in der Regel auf Kosten anderer ein. Und trotzdem scheint sich die kooperative Verhaltensstrategie bei uns festgesetzt zu haben – zumindest bei den meisten von uns Menschen. Und das reicht auch, um sie manifest zu halten.

Anatoli Rapoport hat den Algorithmus erfunden, der zeigt, wie sich kooperatives Verhalten langfristig in einer Population durchsetzen kann. Er nannte diese Strategie Tit-for-Tat und sie besagt, dass wir in einer Interaktion mit einem Mitmenschen kooperativ beginnen sollten, und ab dann das Verhalten des Gegenübers spiegeln. Dadurch ahndet entweder man sofort „Nicht-Kooperation“ und belohnt aber auch gleich „Kooperation“. So konnte sich das Phänomen Kooperation langfristig bei uns Homo sapiens etablieren. Unter einer Voraussetzung, wie Rapoport anmerkte: Das Ende der Interaktion darf nicht absehbar sein. Sowie das Ende absehbar wird, sind mitunter die Strategien des „Nicht-Kooperierens/Betrugs“ gewinnbringender als die kooperativen.

Wie das in der Praxis aussieht? Ganz einfach ein bisserl Weltpolitik verfolgen! Barack Obama hat Rapoports Algorithmus perfekt nachgelebt: In den letzten Tagen seiner Präsidentschaft, das Ende mehr nahe als absehbar, hat er begonnen, rigidere Verhaltensweisen zu zeigen als inmitten seiner Präsidentschaft. So hat er zum Beispiel 35 russische Diplomaten wegen der Email-Hacker-Geschichte mir nichts dir nichts ausgewiesen. So resolut gab es das zuvor nicht. Und im UNO-Sicherheitsrat haben die USA in einer Abstimmung zu den israelischen Siedlungsgebieten im Westjordanland erstmals auf ihr Veto-Recht verzichtet. Für Israel ein Affront, für Obama egal – weder er noch seine Partei müssen das jetzt auslöffeln, korrigieren, fortsetzen, was auch immer.

Ist das Ende einer Interaktion/Zusammenarbeit absehbar, fangen wir Menschen mitunter an, die kooperativen Strategien bleiben zu lassen und trachten danach, noch schnell möglichst viel mitzunehmen, bevor das Tor zufällt. Sapiens?

Aber wie hat Putin reagiert? Wissend, dass es eine neue Interaktion geben wird, nämlich mit Donald Trump, hat er gelassen wie nie reagiert und über Obamas Diplomatenausweisungen großzügig hinweggesehen. Auch er hat seinen Rapoport gelesen und fängt eine neue Interaktion mit einem Kooperations-Angebot an. Mal sehen, wie das weitergeht.

Dass Tit-for-Tat auch tagtäglich am Arbeitsplatz gespielt wird, lässt sich
einerseits hier gut nachlesen, oder im Rahmen meiner Keynote „Unter Affen“ am besten live erfahren. Sie sind am Zug.

#9: Der verloren gegangene Kampf um die Beherrschung

Ich wollte ein paar möglicherweise erhellende Zeilen zum Verhalten, und im Speziellen zur Körpersprache der beiden Präsidentschaftsanwärter Van der Bellen und Hofer schreiben. Doch es war mir live nicht möglich und einen Tag darauf immer noch nicht. Eine Mischung aus Staunen und Fremdschämen ließen mich paralysiert zurück. Doch wie so oft muss ich meinem Geist ein wenig Zeit gewähren, um für mich brauchbare Gedanken zu entwickeln. Ich bin da nicht der Schnellste, scheint es mir. Aber, und das ist für mich wesentlich: Ich sehe wieder klarer.

Ich sehe, wie zwei Kontrahenten ohne Schiedsrichter auf einander losgelassen wurden. Erst versprachen sie einander freundlich, sachlich und fair zu bleiben, doch das ließen sie bald bleiben. Der eine proaktiv, der andere reaktiv. Man konnte, was die nonverbale Kommunikation betrifft, im Laufe der Diskussion sehr viel beobachten: Vergrößern des Interpersonal Spaces, Drohstarren, erhoben belassene Augenbrauen, sich Ducken und kleiner Machen, sich vom Gegenüber Wegdrehen, Verachtung, Häme, Überraschung, Wut … die gesamte Klaviatur der Körpersprache war zu sehen. Aber warum?

Beide Kontrahenten haben ihre Beherrschtheit sukzessive verloren. Und da sind wir bei einem meiner aktuellen Lieblingsthemen: Die Nachteile der Emotionen. Denn sobald die Emotionen bei uns Menschen das Kommando übernehmen, treten Vernunft und Verstand zurück. Sie sind Antagonisten, nicht Partner. „Ein heißes Hirn denkt nicht gut“ sagt eine alte Weisheit – und das stimmt meist. Je emotionaler wir Menschen werden, desto schemenhafter werden unsere Verhaltensmuster. Pech gehabt, das ist das Erbe, das wir evolutionär in uns tragen. Nach richtig oder falsch fragen wir uns immer erst im Nachhinein.

Als die beiden besten Radfahrer ihrer Zeit, Lance Armstrong und Jan Ullrich, einst auf den höchsten Gipfeln der Alpen um den Sieg gefahren waren, hatte ein jeder der beiden versucht, den anderen durch Attacken so aus der körperlichen Reserve zu locken, auf dass dieser über seine Grenzen gehe und in Folge an Leistung verliere. Wer jedoch den Attacken widerstehen konnte und beherrscht blieb, konnte auch sein Tempo meist siegreich bis zum Ende durchhalten, während der andere überhitzt zurückfiel.

Und so sehe ich das Match zwischen Van der Bellen und Hofer. Am Anfang waren beide noch kontrolliert, hatten Körperhaltung und Mimik halbwegs im Griff, doch je heftiger die Provokationen durch den anderen ausfielen, desto emotionaler wurden sie und verloren so die Beherrschung über ihre Wirkung im Fernsehen. Die Körpersprache wurde expressiver, am Tisch fand ein Tanz der Abneigung und Aggression statt mit dem Versuch, die Beherrschung zu bewahren. Diese ist beiden durch die provozierte Emotionalität verloren gegangen.

Ich fürchte, an dem Abend ging noch mehr verloren.Neanderthaler_Menge_02_m

 

Körpersprache, Führungsverhalten und der Einfluss von Emotionen auf unseren Verstand sind wesentliche Elemente meiner Keynote Unter Affen – Verhaltensforschung zwischen Portiersloge und Führungsetage.

#8 Die Armlänge – reicht das, Frau Bürgermeisterin?

Kölns Bürgermeisterin Henriette Reker riet dieser Tage Frauen, in Zukunft besser mehr als eine Armlänge Abstand zu Menschen zu halten, die einem fremd seien, zu denen man kein gutes Vertrauensverhältnis habe. Der Spott blieb nicht aus.
Was wissen wir Verhaltensbiologen zum Abstand zwischen zwei Menschen zu berichten? Wir nennen diesen Abstand Interpersonal Space und haben diesen kategorisiert:

Der intime Bereich eines Mitmenschen hat einen Radius von ca. 46 Zentimeter. Dieser Bereich wird psychologisch als der eigene, einem zustehende Raum empfunden. Diesen Raum dürfen nur jene Menschen „betreten“, die einem sehr nahe stehen. Es sind engste Freunde und Familienmitglieder, denen man etwas ins Ohr flüstert, die man zur Begrüßung umarmt oder denen man beim Gespräch Fusel von der Kleidung zupft. In der Regel halten sich engste Freunde und Familienmitglieder jedoch innerhalb eines weiter gefassten Bereichs auf, dem Persönlichen Bereich: Dessen Radius ist gut und gerne 122 Zentimeter groß.
Bei Bekannten weicht man etwas weiter auseinander, der Interpersonal Space schwillt auf bis zu 370 Zentimeter an. Man nennt diesen Bereich den Sozialen Bereich. Über diesen hinaus führt dann der öffentliche Bereich, wenn man Reden hält oder präsentiert. [Hall, Edward T. (1966). The Hidden Dimension. Anchor Books. ISBN 0-385-08476-5.]

Dazu sei gesagt, dass diese Abstände kulturell variieren, es gibt ein Nord-Süd-Gefälle: Je weiter man auf der Nordhalbkugel in den Süden geht, desto näher stehen die Menschen zueinander, je weiter man in den Norden geht, desto distanziertNeanderthaler_Menge_02_mer sind sie.

Verantwortlich dafür zeichnet eine Struktur in unserem Gehirn, der Mandelkern oder auch Amygdala. Dringt man in den persönlichen Bereich eines Menschen ein, kann man eine starke Aktivierung der Amygdala messen. Bei Menschen, die keine Amygdala mehr aus welchem Grund auch immer haben, fehlt diese Aktivierung und sie empfinden die Nähe Fremder nicht als unangenehm. Bei Affen übrigens genauso.

Ich habe gerade bei meiner Frau 60 cm Armlänge gemessen. Ginge es nach Bürgermeisterin Reker, sollte sie ihr fremde Menschen nicht näher heran lassen. Und trotzdem befänden sich diese in ihrem Persönlichem Bereich, der eigentlich Freunden und Familienmitgliedern vorbehalten ist. Hätte Bürgermeisterin Reker ein wenig Ahnung vom Verhalten der Menschen, müsste sie rund die doppelte Distanz empfehlen. Wer jedoch schon einmal mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war, weiß, dass dies Utopie bleiben wird.

In meinen Keynotes bringe ich den Interpersonal Space dann ganz gerne, wenn es um Beobachtungen von Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz geht – wie nahe sie zu einander stehen, wer zu wem welchen Abstand hält und was man daraus ableiten kann. Gleich vorweg – auch der Winkel, in dem man zu einander orientiert ist, spielt hier eine wesentliche Rolle. Das sollten Sie sich einmal anhören, sie sehen Ihre Mitarbeiter in den Stiegenhäusern, in der Kaffeeküche oder im Seminarraum mit anderen Augen!

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#7 Kalender Lustkiller

Wer viel arbeitet, hat viel zu tun. Vieles funktioniert in Teams nur, in dem Termine ausgemacht und eingehalten werden. Dazu werden gleich mehrere Termine an die notwendigen Teilnehmer ausgeschickt, eine Rundfrage wird gestartet, und wenn hoffentlich nicht benötigte Termine sauber wieder gelöscht werden, bleibt ein Termin als Ergebnis bestehen. Wieder einmal geschafft, das Team kann sich zusammensetzen. So geht es Tag ein Tag aus, gegenüber Mitarbeiterinnen, Kunden und Lieferanten.

Das setzt sich aber auch privat fort. „Schatz, hast Du am 13.2. am Abend Zeit, ich hätte da eine Fortbildung …“ Blick auf den Outlook-Terminkalender, „ja, geht“, den Termin natürlich eintragen, damit er nicht verloren geht. Dann findet man abends im Posteingang die Einladung zur Teilnahme an einem Doodle … die nächste Terminanfrage. Und Muttern möchte wissen, ob wir zu Ostern da sein werden oder wieder nach Heiligenblut fahren ….

Der Besuch im Spitzenrestaurant – ohne Tischreservierung vier bis sechs Wochen in advance geht da gar nichts. Das Konzert der Hosen in vier Monaten – dafür muss ich mich heute entscheiden. Das Kindermusical in der Stadthalle in sieben Wochen, Tickets heute und jetzt. Der eigene Geburtstag – wenn mit Eltern und Freunde geffaumasujeteiert, dann lang vorher vereinbart. Der Thermenaufenthalt am verlängerten Mai-Wochenende – nur möglich, wenn Monate vorher gebucht.

Nichts geht mehr ohne Kalender, alles Freuden des Lebens werden zu einem Termin. Was dabei auf der Strecke bleibt, sind die Lust und die Spontaneität. Bock auf ein schnelles Bierchen mit Freunden – forget it! Lust, heute das neue, gehypte Lokale aufzusuchen – no way. Was, heute spielen Russkaja und Shantel im WUK? Natürlich keine Karten …

Die Tatsache, Lust und Freude Monate voraus zu antizipieren, stellt mich vor ein Problem, das ich nicht lösen kann. Lustlosigkeit stellt sich ein. Widerstand baut sich auf. Ich brauche dringend einen Termin bei einem Business-Coach …

Wenn die Belohnung für ein Verhalten, auch bei uns Homo sapiens, zu lange ausbleibt, tun wir uns schwer, entsprechende Entscheidungen zu treffen, werden emotional und verlieren damit die Fähigkeit, klug Handlungsalternativen zu überlegen. Mehr zu menschengerechten Arbeitsumwelten im Vortrag „Wir Affen, zwischen Portiersloge und Führungsetage“.

#6 Rache als Ratgeber?

Wir waren noch in der Savanne unterwegs, als uns die Emotionen geholfen hatten, heikle Situationen ohne langes Nachzudenken zu überstehen oder gar zu überleben. Man kann die Emotionen durchaus als Abschneider hin zu einer schnellen Entscheidung betrachten. Kämpfe oder laufe – und zwar jetzt!

Die Emotionen waren und sind aber auch die Sprache, die wir Menschen, gemeinsam mit den anderen Wirbeltieren, von Geburt an sprechen. Wir kommunizieren via Emotionen unseren Status, teilen mit, wie es uns geht und helfen so unseren Mitmenschen im Umgang mit uns. So wie man bei einer Katze oder einem Hund erkennt, dass man das Tier jetzt besser in Ruhe lässt, erkennen wir, ob die Chefin gerade in der Verfassung ist, sich um die eigenen Anliegen zu kümmern. Wir brauchen diese Emotionen für unsere Strategiespiele untereinander, anders wäre Verhalten in der Großgruppe nicht möglich.

Die Emotionen stehen uns aber auch im Weg. Denn als rasches Entscheidungssubstitut verhindern sie ein bedachtes Abwägen von Argumenten. Sie machen unseren Handlungsspielraum eng und verhindern das Erkennen von unterschiedlichen Handlungsalternativen. Die Emotionen lassen uns glauben, die richtige Entscheidung zu kennen – das stellt sich oft als ein Irrtum heraus. Wir sind eben nicht mehr in der Savanne, sondern in Konferenzräumen. Wir haben unsere Umgebungen dramatisch verändert.

Wer also kluge Entscheidungen treffen möchte, tut gut daran, zuzuwarten, bis die eigene Emotionalität abgeklungen ist. Nur dann haben wir die Möglichkeit, alle Handlungsalternativen zu erkennen und über sie nachzudenken. In der Emotionalität hingegen begehen wir Taten wie Jähzorn und Rache. Wir glauben uns damit im Recht. Was für ein Irrtum. Leider ist das nicht das Privileg von Kleinkindern:Neanderthaler_Menge_02_m

Frankreich hat sofort mit intensivem Rache-Bombardement auf Rakka als Antwort auf die Terroranschläge von Paris geantwortet. Jähzorn und Rache sind jedoch selten gute Ratgeber auf dem Weg zu einer Problemlösung.

#5: Empathie: Von der Savanne bis zum Westbahnhof

Wenn ich Keynotes über das Verhalten der Menschen zwischen Portiersloge und Führungsetage halte, komme ich nicht am Thema Empathie und Spiegelneurone vorbei. Die Fähigkeit zur Empathie, ermöglicht durch Spiegelneuronen, ist eine zentrale Eigenschaft von uns Menschen und beeinflusst unser Verhalten, gerade am Arbeitsplatz, massiv. Wir hatten ja auch über 1.6 Millionen Jahre hinweg noch keinen anderen Informationskanal zur Verfügung. Die Sprache war noch lange nicht erfunden.

Jetzt, wo wir die Sprache zum Teil ganz gut beherrschen und über unsere Vergangenheit als Homo erectus oder gar Australopithecus schmunzeln können, erleben wir diese ausgesprochen basale Fähigkeit nicht mehr oft bzw. nicht mehr sehr bewusst. Sie ist überlagert von Content aller Art. Es gibt sie aber noch, diese Momente, wo Neanderthaler_Menge_02_mdie Fähigkeit mitzufühlen heftig zu Tage tritt – und uns dann meistens überwältigt, weil wir es nicht mehr gewohnt sind, damit umzugehen.

Ich komme gerade vom Wiener Westbahnhof, ich war dort um zu helfen. Und dann saßen und lagen sie da: Babys, Kinder, kaum älter als zwei, drei Jahre. Ein Dreijähriges hat ein Zweijähriges gefüttert. Andere weinten, andere husteten heftig und andauernd. Das war so ein Moment, wo ich dringend Frischluft brauchte; Wind, um die Augen zu trocknen. Meine Spiegelneurone induzierten mir eine Emotion ausgesprochener Heftigkeit.

Wer Kinder hat, weiß wie sehr diese, als sie noch Babys waren, einen doch spiegeln, wie direkt und intensiv sie auf unsere leisesten Stimmungsschwankungen reagieren. Worte würden sie noch nicht verstehen, brauchen sie dazu auch nicht. Sie haben noch dieses unglaubliche Sensorium für ihre Eltern. Und gerade dies vor Augen, stelle ich mir vor, wie es den Kindern geht, deren Eltern eine dreiwöchige Flucht managen, die ihre Heimat verlassen müssen, Tage lang unter entsetzlichsten Bedingungen irgendwo zwischengelagert werden, bevor sie weiterflüchten dürfen … nass, kalt, krank. Die Eltern müssen vor den Kindern gute Miene zum tragischen Spiel machen. Ich bezweifle, dass ihnen das gelingt – den Kleinen kannst einfach nichts vormachen …

Wer auch helfen möchte, ist zum Beispiel am Wiener Westbahnhof herzlich willkommen. Bitte!

Hier die Infos für Hilfsbereite

#4: Die Braut ist mir zu schön: Social engineering

Die IT-Branche hat ein Problem, an dem sie nicht vorbeikommt: Den Menschen. Was nützen die raffiniertesten technischen Gustostückerln an Soft- und Hardware, die der Systemsicherheit dienen sollen, wenn letztendlich irgendwo ein Mensch sitzt, dessen Software, nämlich sein Gehirn, nicht ebenso raffiniert programmiert ist? MNeanderthaler_Menge_02_mit Verlaub, wenig.

Die Rede ist von Social engineering, das man am besten mit „Manipulation der Mitmenschen“ übersetzt. In den frühen 80ern riefen solche Engineers einfach bei Telefongesellschaften an, gaben sich als Systemadministratoren aus und kamen so ganz easy an die notwendigen Passwörter heran, um in Folge zum Beispiel gratis zu surfen. In Folge kamen die Phishing-Emails auf. Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen gelangten so die „Bösen“ an die gewünschten Login-Daten und konnten damit Schabernack oder echten Schaden anrichten. Welche Tatsachen konnten gefälscht werden: Die Absender-URLs und die Webseiten selbst, meist kombiniert mit dem Schaffen von Vertrauen im Text.

Aber was veranlasst uns Menschen, auf solche Tricks hereinzufallen? Warum überweisen Menschen Tausende Euro nach Nigeria, in der Hoffnung, ein Vielfaches davon zurückzubekommen? Warum funktioniert der Neffen-Trick am Telefon?

Die Verhaltensbiologie hat hier einige Antworten parat: Wir Menschen sind im Umgang miteinander evolutionär so programmiert, dass wir mit kooperativen Strategien den meisten Erfolg, wenn auch nur langfristig, erzielen. Wir spielen Tit-for-Tat (Anatol Rapoport, Robert Axelrod, 1983): Das bedeutet nichts anderes, als dass wir freundlich/kooperativ im Sozialkontakt beginnen und ab dann die Reaktion des Mitspielers spiegeln. Dieser grundfreundliche Algorithmus steckt in uns, weil er sich als der erfolgreichste erwiesen hat. Das bedeutet aber auch, dass wir versucht sind, ein freundliches Angebot, quasi der erste Spielzug des Mitspielers, freundlich zu erwidern. Kommt uns wer freundlich, reagieren wir freundlich. Das machen sich Phisher, aber auch klassische Verkäufer zu nutzen. Erst den Schulterschluss suchen, kooperatives Verhalten anbieten – und dann zuschlagen.

Die Evolution hat uns aber nicht stur in irgendeine Richtung hin programmiert. Wir sind zur Selbstreflexion fähig, sonst gäbe es diese Zeilen nicht. Wir dürfen nur nicht dem emotionalen Impetus sofort folgen, dieser verleitet uns. Sich aus einer Situation herausnehmen, warten bis die ersten Emotionen verdampft sind, und dann erst entscheiden – das wäre eine erste Firewall bei uns Menschen. Oder, wie ein altes jüdisches Sprichwort das richtige Ausmaß an Skepsis zum Ausdruck bringt: „Die Braut ist mir zu schön …!“

Lust auf mehr? Meine Keynote „Wir Affen, zwischen Portiersloge und Führungsetage“ beleuchtet eine Vielzahl programmierter Verhaltensweisen bei uns Menschen und zeigt humorig, wie oft uns unsere Vergangenheit im beruflichen Alltag ein Hax´l stellt. Ob in der IT oder im Verkauf, beim Präsentieren oder im Mitarbeitergespräch …

#3: Ein neuer Mensch, endlich!

„Ein neuer Mensch muss her!“
Das dachte ich mir, als jenes Bild durch die Medien ging, auf denen man sehen konnte, wie eine Familie aus Syrien, Asylwerber, hier in Wien von der FPÖ feindlich empfangen wurden. „Ein neuer Mensch muss her!“ Das dachte ich mir, als in Deutschland Asylheime brannten. „Ein neuer Mensch muss her!“ Das denke ich mir nach wie vor, wenn ich sehe, wie Menschen in Ungarn, meist in Uniform, mit Flüchtenden umgehen – von dieser Kamerafrau, die einen laufenden Vater, der sein Kind schützend an sich gedrückt hatte, das Bein stellte und zu Sturz brachte und auf Flüchtende eintrat, ganz zu schweigen. Mir wird schlecht, wenn ich an sie denke …

„So schlecht ist er gar nicht, der Homo sapiens sapiens“, denke ich mir hingegen, wenn ich sehe, wie in Wien die Stimmung gekippt ist – Helfen ist nun hip, altruistisches Verhalten geht wieder – stolz schicken die Helfenden Foto um Foto durch die sozialen Netzwerke, auf denen man sie beim Helfen sieht. Eine Welle der Solidarität, mit der ich nicht mehr gerechnet habe, rückt mir mein Menschenbild wieder zurecht. Dafür bin ich meinen Mitmenschen sehr dankbar. Der Homo sapiens ist auch ein helfender, wie schön!

Und doch wurde ein neuer Mensch gefunden! Der Homo naledi wurde zur Welt gebracht, aus einer Höhle gehoben, in der er wahrscheinlich mehr als zwei Millionen Jahre gelegen hat. Was der alles versäumt hat … Zwei Jahre hat die Geburt, pardon, Bergung und Bestimmung gedauert, jetzt wurde er der Weltöffentlichkeit präsentiert: Klein, mit Händen zum Klettern und Füßen zum Laufen. Sollte die Naledis in Höhlen gewohnt haben, waren diese Hände bestimmt nicht von Nachteil 😉

Muss ich jetzt meine Keynotes umschreiben?
Bedeutet jeder neue Fund, dass das bis dahin aktuelle Wissen nicht mehr gilt? Nein, das tut es nicht. Es erweitert nur das Spektrum, gibt neue Einblicke und gebiert dadurch neue Fragen. Und um neue Fragen geht es letztendlich bei jeder Forschung. Die Antworten sind nur der Weg dazu. Und, so ganz unter uns: Der Homo naledi hatte sicher auch kein Powerpoint …

#2: Die Führungskraft, ein verrückter Hund?

Ein dominantes Alpha-Männchen reagiert auf Provokationen nur dann, wenn ein gewisses, fixes Maß an Frechheiten ihm gegenüber überschritten wird. Dann bellt, droht, beißt oder schimpft es. Die untergeordneten Individuen lernen sehr schnell diesen fixen Schwellenwert kennen, ab dem es für sie unangenehm wird. Aber in der Regel dienen den Untergeordneten diese scharf gezogenen Grenzen nur dazu, an diesen ständig ein wenig herumzumanipulieren, diese durch minimale Grenzüberschreitungen, die aus Gründen des Aufwands nicht geahndet werden, zu eigenem Gunsten hin zu verschieben.

Das kennen Führungskräfte, aber auch Eltern, mehr als genug. Die beste Gegenstrategie aus Sicht der Führungskraft ist es daher, bezüglich der Bestrafungen/Zurechtweisung nicht mehr vorhersagbar zu sein. Das bedeutet, dass ein Alpha-Männchen das eine Mal schon wegen absoluter Lächerlichkeiten sehr heftig und aggressiv reagiert, ein anderes Mal aber deutliche Grenzüberschreitungen unbestraft zulässt. Diese Strategie wird von Evolutionsbiologen „Mad Dog Strategy“ genannt: Man weiß nie, wann der Hund beißen wird – und muss daher selbst eine Strategie fahren, die einen Biss unwahrscheinlich macht. Man muss sich also sehr zurücknehmen, um nicht eventuell wegen einer Kleinigkeit heftig eine abzuräumen. Für das Alpha-Männchen ist diese Strategie sehr angenehm, muss es doch nicht ständig das Überschreiten selbst niedrig angelegter Schwellenwerte bestrafen. Es spart damit erheblich an Aufwand ein.

Gerade von Despoten und Diktatoren ist diese ausgesprochen willkürliche, tyrannische Strategie bekannt. Schnell einmal jemanden wegen einer Unbedeutsamkeit öffentlichkeitswirksam hinrichten lassen, und der Despot braucht für längere Zeit keine Angriffe auf seine Souveränität mehr befürchten. Angst und Schrecken vor seinen willkürlichen Übergriffen schützen ihn, sie erledigen quasi die Arbeit. Übertreibt der Despot diese Strategie jedoch, verliert er mit der Zeit seine letzten Verbündeten. Daher sollte er, aus seiner Sicht, diese Strategie nur selten und selektiv einsetzen.

Erst unlängst war zu lesen, dass der koreanische Diktator seinen Verteidigungsminister mittels einer Flugabwehrrakete hat hinrichten lassen. Er wäre bei einer Veranstaltung eingeschlafen und hätte auch schon einmal seine eigene Meinung geäußert. Noch Fragen?