Über Rhetorik, Kompetenz und Politik

Innerhalb weniger Tage haben es KünstlerInnen und Kulturtreibende gemeinsam mit einigen MedienvertreterInnen geschafft, eine Staatssekretärin aus ihrem Amt zu dissen. Sie hätte keine Ahnung von Kunst und Kultur, wäre niemand aus diesem Metier – und damit von Anfang an ungeeignet. Und sie hätte nichts auf die Reihe gebracht.

Ich möchte das nicht bewerten. Was ich bewerten kann, sind die rhetorischen Fähigkeiten der Staatssekretärin – und diese sind von seltener Exzellenz. Sie ist eine der wenigen PolitikerInnen, die ohne Anstrengung eine ganz normale, ruhige Sprache bedienen kann. Eine Sprache, die für alle gut verständlich ist. Die Wortwahl ist präzise, ihre Sätze haben die optimale Länge, ihre Sprachmelodie ist situativ opportun – und das alles getragen von einer ruhigen Sachlichkeit, ohne dabei auf ihre politische Herkunft als „reason to speak“ zu vergessen. Als sie einst die Grünen als Spitzenkandidatin übernommen hatte, fiel ihre Redekunst besonders deutlich auf – waren die anderen Spitzenkandidaten doch noch sehr in einer künstlichen Sprache unterwegs. Sie hat die wunderbare Gabe, komplexe Inhalte einfach erklären zu können, ganz unaufgeregt. Sie hat auch die Größe, öffentlich einzugestehen, etwas nicht zu wissen. Sie kann Schwächen zugeben, ohne dabei in peinlichen Pathos abzudriften. Für mich ist die ehemalige Staatssekretärin Lunacek die vermutlich beste Rhetorikerin der jüngeren österreichischen Geschichte.

Doch das spielt keine Rolle mehr. Im Fall Lunacek reichte eine schlechte Pressekonferenz, um den eigenen Rücktritt einzuleiten. Denn zeitgleich mit der ungeschickt inszenierten PK wurden auch viele Erleichterungen für Gewerbetreibende kommuniziert. Das Ende der Solidarität war damit eingeläutet, denn für Kulturschaffende gab es noch keine Erleichterungen oder erhöhte Almosen zu verkünden. Das stieß diesen sauer auf, sie taten ihren Ärger kund – und schon war der Druck so groß, dass Lunacek zurücktrat.

Dass die rhetorisch brillante Ulrike Lunacek ausgerechnet wegen einer missglückten Pressekonferenz zurücktritt, ist ein Treppenwitz der Geschichte. Dass jetzt eine sehr erfahrene, vertrauenswürdige Politikerin weniger Österreich mitgestaltet, empfinde ich als bedauerlich.

Sager des Monats Dezember

Die ehemalige Nachrichtensprecherin, MEP (ÖVP) und nun FPÖlerin Ursula Stenzel zitiert einen recht umstrittenen deutschen Wissenschaftler und bringt dabei Gigatonnen mit Gigabytes durcheinander. Man könnte schmunzelnd darüber hinwegsehen, gäbe es a) nicht ihre entsprechende Biographie und b) nicht ihren doch sehr belehrenden Ton. Mit diesem Sager hat sie sich verewigt. Sie sagt:

„Er spricht von 38 Gigabyte CO2-Ausstoß pro Jahr. Von diesen 38 Gigabyte alleine stößt die Bundesrepublik Deutschland – jetzt nehmen wir Österreich dazu – ein bis zwei Gigabyte aus. Bleiben immer noch 36 übrig. Wenn sie die gesamte EU dazu nehmen, acht Gigabyte weniger.“ Nachsatz: „Bleiben immer noch 30 Gigabyte pro Jahr, die in den Kosmos verstrahlen.“ Weiters sagte sie, man „könne bestreiten, dass der Klimawandel menschengemacht sei.“

Fehler können passieren, aber bei Ex-Kollegen, die belehrend bis überheblich daherkommen, kennen MedienvertreterInnen nur wenig Gnade. Das Netz so und so nicht. Hier der Link des Zitats samt einiger witziger Netzfunde von den OÖN:
https://www.nachrichten.at/panorama/web/gigabyte-sager-erheitert-das-netz;art122,3197590

Sager des Monats November

Johann Gudenus spricht mit Wolfgang Fellner in der Sendung Fellner! Live über Ibiza und die Zeit danach. Gudenus plaudert. Plaudern ist etwas, das man in keinem Interview tun sollte. Never. Denn beim Plaudern verliert man rasch die Kontrolle und gibt Inhalte preis, die man womöglich, wenn bedacht, nicht gesagt hätte. Hier ein Beispiel und mein Sager des Monats:

„Am nächsten Tag habe ich einen Schädel gehabt wie nach einem guten Rausch, sagen wir es ganz offen, und Gedächtnisausfälle, was aber auch so vorkommt.“

Nicht plaudern, nachdenken vor dem Sprechen, nicht das Tempo vom Fragesteller übernehmen … Interview-Basics. Aber wahrscheinlich haben die Fehler mit den Gedächtnisausfällen zu tun, die bei ihm ja auch so vorkommen.



Sager des Monats September

Der klassische Sager ist ja in den Medien beheimatet. Diese extreme Zuspitzung an Inhalten braucht man für knackige Interviews. Ist ein Sager aber gut geplant, so kann er genauso für Reden entlehnt oder diesen entnommen werden. Denn eine gute Rede zeichnet sich mitunter durch eine Art Refrain aus. Ein Satz, den man regelmäßig und abschnittsweise wiederholt. Viele kennen die Rede: „I have dream …“
Zündet die Rede, wird sie nach diesem Refrain/Sager/Claim benannt und geht in die Geschichte ein 😉

In die Geschichte wird bestimmt Greta Thunbergs Rede beim UN-Klimagipfel in NY eingehen. Diese Rede heißt bereits jetzt die „How dare you?!-Rede“. Mit Recht.

Aber nicht nur der iterative Einsatz dieses sehr emotional vorgetragenen Claims/Refrains erzeugt diese saugende Wirkung. Mich hat eine weitere Textstelle massiv beeindruckt:

„Because if you fully understood the situation and still kept failing to act, then you would be evil. And I refuse to believe that.“

Sie will nicht glauben, dass sie es mit bösen Menschen zu tun hat. Eher unterstellt sie jenen Menschen, die durch Ignoranz auffallen, mangelnde Einsicht. Und dazu fehlt Greta Thunberg jegliches Verständnis.

Ein unfassbar starke Rede, fantastisches Timing, tolle Struktur und mit einer unterdrückten, kochenden, vor der Eruption stehenden Emotionalität vorgetragen, dass einem beim Zusehen ganz anders wird. Hut ab, Frau Thunberg!

Sager des Monats August

In kurzem Abstand sind zwei Sager gefallen, die meines Erachtens besonders bemerkenswert sind. Da ist einerseits die knappe Antwort von Innenminister Peschorn im Live-Interview gegenüber Armin Wolf, der Peschorn frug, ob dieser zu gewissen Vorgängen mehr wisse:
„Sie wissen jedenfalls zu wenig.“
Diese schöne Wahrheit belegt aber nur den zweiten Platz. Gewonnen hat eine Journalistin, nämlich die Chefredakeurin der Tageszeitung KURIER. Sie kommentierte und bewertete den Auftritt der aktuellen SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner. Rendi-Wagner erzählte im ORF-Sommergespräch, dass sie am Freitagabend ein Cordon bleu gegessen habe. Das wertete die Chefredakteurin Salomon als wenig glaubwürdig („ich glaub ihr kein Wort“) und sagte:

„So wie sie ausschaut, wird sie sich eher nur von ein paar Salatblättchen ernähren.“

Steht ihr so ein Kommentar zu? Sollten KommentatorInnen und JournalistInnen die Figur eines Menschen als Maßstab dessen Glaubwürdigkeit heranziehen? Wenn ja, dann ist das Martina Salomon mit dieser knappen, bildhaften Formulierung gelungen. Ich gehe davon aus, dass sie dies bereut – und gratuliere nicht.

Sager des Monats Juli

Auch in der Ferienzeit fiel mir ein wunderbarer Sager in den Medien auf, der zeigt, wie der Kunstgriff einer Metapher sich so ins Bewusstsein schneiden kann wie eine gut geschliffene Kante in den frisch vereisten Zielhang von Adelboden. Der Sager des Monats Juli geht an den besten alpinen Wintersportler der letzten Jahre, an Marcel Hirscher!

„Mir als Motocrossfahrer das Motorradfahren beizubringen, ist wie einem Deutschen das Skifahren zu lernen.“

Der Grammatikfehler läuft unter „charmant & authentisch“, die Botschaft sitzt, fast so wie das Werbe-Käppi bei seinen Interviews 😉

https://kurier.at/sport/motogp-bike-statt-skier-hirscher-erfuellte-sich-einen-traum/400546823

Sager des Monats Juni

Im Spitzensport sind in der Regel jene SportlerInnen ganz oben zu finden, die es einen Tick mehr hassen zu verlieren, als die anderen es tun. Nur allzu oft betonen SpitzensportlerInnen, dass es mehr die Angst vor Niederlagen als die Freude über einen Sieg ist, die sie antreibt. Und auch Rafael Nadal, spanischer Seriensieger im Tennisturnier von Roland Garros, fand entsprechende Worte bei seiner Siegerehrung dieses Jahr. Er wandte sich direkt an seinen Kontrahenten aus Österreich, Dominik Thiem, lobte seine stets freundliche Art und sagte dann:

„Wenn ich gegen jemanden verlieren will, dann gegen dich …“
I know how tough it is to lose finals but that’s the sport. If I wanted to lose to someone, it’s with you because you deserve it.

Diese Größe muss man erst einmal live zustande bringen. Big respect, Rafa!!! Damit hast Du Dir den Sager des Monats Juni verdient!


Sager des Monats Mai

Infineon-Chefin Sabine Herlitschka wird in der Tageszeitung KURIER vom 25.5.2019 damit konfrontiert, dass die EU das wichtige Match um billige Produktionskosten verloren habe. Sie antwortete darauf, dass sie deshalb gerade in der Digitalisierung die große Chance sehen würde, denn dabei zähle vor allem das Wissen. Und dann kommt der von mir gewählte Sager des Monats:

„Es zählen die besten Köpfe, nicht die billigsten Hände.“

Viel präziser, und dabei so einfach, kann man es gar nicht auf den Punkt bringen. Gratulation zum Sager des Monats Mai.

Sie wollen das auch können? Gerne, jederzeit, just call 0664 8498965 und wir machen uns ein Training/Coaching aus, damit auch Sie in Zukunft knapp und Verständlich Ihre Inhalte formulieren können.

Sager des Monats April

Das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg, kurz NTC Heidelberg, postete auf Facebook, dass in einer Studie 157 Hautärzte von zwölf Universitätskliniken aus Deutschland gegen einen Algorithmus antraten und verloren:
Sowohl die Ärzte als auch der Algorithmus beurteilten 100 Bilder danach, ob es sich um ein Muttermal oder einen schwarzen Hautkrebs handle. Am Ende war die künstliche Intelligenz erfolgreicher als die klinische Diagnostik. Die Diagnose von Hautveränderungen allein durch den Algorithmus ist allerdings nach Meinung der Heidelberger Wissenschaftler nicht zu empfehlen. Wie ist das nun zu verstehen? Wenn es die AI doch besser kann …?

Die Antwort darauf von Titus Brinker, Leiter der Studie und Wissenschaftler am DKFZ, NCT Heidelberg sowie Assistenzarzt an der Universitäts-Hautklinik Heidelberg.  wurde zu meinem Sager des Monats April:

„Es ist ähnlich wie beim Autopiloten im Flugzeug: Bei gutem Flugwetter und häufigen Strecken ist das Assistenzsystem hilfreich. Bei schwierigen Landungen muss ein erfahrener Pilot hingegen Verantwortung übernehmen. Das kann ein Computer so allein nicht leisten.“

Analogien bieten sich in Interviews immer dann an, wenn der eigene, konkrete Fall für kurze Formulierung zu komplex scheint. Das üben wir in meinen Trainings. Analogien, wie jene des Autopiloten im Flugzeug, ist leicht zu folgen, sind leicht zu verstehen und letztendlich zustimmend abzunicken. Ein tolles Beispiel aus Deutschland. Gratulation!