#8 Die Armlänge – reicht das, Frau Bürgermeisterin?

Kölns Bürgermeisterin Henriette Reker riet dieser Tage Frauen, in Zukunft besser mehr als eine Armlänge Abstand zu Menschen zu halten, die einem fremd seien, zu denen man kein gutes Vertrauensverhältnis habe. Der Spott blieb nicht aus.
Was wissen wir Verhaltensbiologen zum Abstand zwischen zwei Menschen zu berichten? Wir nennen diesen Abstand Interpersonal Space und haben diesen kategorisiert:

Der intime Bereich eines Mitmenschen hat einen Radius von ca. 46 Zentimeter. Dieser Bereich wird psychologisch als der eigene, einem zustehende Raum empfunden. Diesen Raum dürfen nur jene Menschen „betreten“, die einem sehr nahe stehen. Es sind engste Freunde und Familienmitglieder, denen man etwas ins Ohr flüstert, die man zur Begrüßung umarmt oder denen man beim Gespräch Fusel von der Kleidung zupft. In der Regel halten sich engste Freunde und Familienmitglieder jedoch innerhalb eines weiter gefassten Bereichs auf, dem Persönlichen Bereich: Dessen Radius ist gut und gerne 122 Zentimeter groß.
Bei Bekannten weicht man etwas weiter auseinander, der Interpersonal Space schwillt auf bis zu 370 Zentimeter an. Man nennt diesen Bereich den Sozialen Bereich. Über diesen hinaus führt dann der öffentliche Bereich, wenn man Reden hält oder präsentiert. [Hall, Edward T. (1966). The Hidden Dimension. Anchor Books. ISBN 0-385-08476-5.]

Dazu sei gesagt, dass diese Abstände kulturell variieren, es gibt ein Nord-Süd-Gefälle: Je weiter man auf der Nordhalbkugel in den Süden geht, desto näher stehen die Menschen zueinander, je weiter man in den Norden geht, desto distanziertNeanderthaler_Menge_02_mer sind sie.

Verantwortlich dafür zeichnet eine Struktur in unserem Gehirn, der Mandelkern oder auch Amygdala. Dringt man in den persönlichen Bereich eines Menschen ein, kann man eine starke Aktivierung der Amygdala messen. Bei Menschen, die keine Amygdala mehr aus welchem Grund auch immer haben, fehlt diese Aktivierung und sie empfinden die Nähe Fremder nicht als unangenehm. Bei Affen übrigens genauso.

Ich habe gerade bei meiner Frau 60 cm Armlänge gemessen. Ginge es nach Bürgermeisterin Reker, sollte sie ihr fremde Menschen nicht näher heran lassen. Und trotzdem befänden sich diese in ihrem Persönlichem Bereich, der eigentlich Freunden und Familienmitgliedern vorbehalten ist. Hätte Bürgermeisterin Reker ein wenig Ahnung vom Verhalten der Menschen, müsste sie rund die doppelte Distanz empfehlen. Wer jedoch schon einmal mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war, weiß, dass dies Utopie bleiben wird.

In meinen Keynotes bringe ich den Interpersonal Space dann ganz gerne, wenn es um Beobachtungen von Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz geht – wie nahe sie zu einander stehen, wer zu wem welchen Abstand hält und was man daraus ableiten kann. Gleich vorweg – auch der Winkel, in dem man zu einander orientiert ist, spielt hier eine wesentliche Rolle. Das sollten Sie sich einmal anhören, sie sehen Ihre Mitarbeiter in den Stiegenhäusern, in der Kaffeeküche oder im Seminarraum mit anderen Augen!

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